Es regnet. Natürlich. Es ist so ein Regen, den man erst bemerkt, wenn man durchnässt ist. Der Zug kommt zu spät. Ein Mann steht von der Bank am Gleis auf, holt mit dem Fuß aus und kickt eine Taube – pock – zwei Meter weit auf’s Gleis – klatsch. Tja, Taube, näher dich keinem Pendler, dessen Bahn Montag morgens Verspätung hat. Alle zünden sich eine Kippe an. Ich nicht, bekomme auch schon so genug Rauch für mindestens 30 Jahre früheren Tod in die Lungen. In der Bahn setzt sich ein 1 €-Jobber vor mich. Er stinkt, hat zerissene Klamotten und spielt mit seinem iPhone. Neben mir ein Türke, der sich lautstark darüber auslässt, warum gerade er aufstehen sollte, um einer alten Dame den Platz anzubieten, wenn es doch auch kein anderer macht. Woraufhin sein Kumpel sagt: Weil du so eine soziale Ader hast, und laut lacht. Als ich in der Uni ankomme, regnet es immer noch und weil ich mir vom Wetter nichts vorschreiben lasse, lasse ich meinen Schirm zu. Nach vier Stunden einlullende Vorträge, will ich mir das erste Mal in meinem Leben etwas aus diesen gruseligen Automaten mit den Spiralen holen. Geld rein, Nummer gewählt, Spirale dreht sich, KitKat verhakt sich, Julia ärgert sich. Dann halt nicht. Woher weiß alles, sogar ein Automat, wann Montag ist? Der Essensautomat hat’s auf jeden Fall dem Kaffeeautomaten verraten, der gibt nämlich nur lauwarmes Wasser. In der nächsten Vorlesung sitzt neben mir einer, der fragt, warum das Licht so flackert. Es flackert nicht. Er scheint sehr nervös zu sein. Scheiß Naturwissenschafts-Junkie. Wer weiß, was die sich in ihren Laboren reinziehn. In der Übung merke ich, dass ich meinen Referatspartner doch nicht nach Sympathie, sondern nach Kompetenz hätte auswählen sollen. Ein Wacken-Armband verheißt eben doch nicht immer einen schlauen, weil rebellischen Kopf. Jetzt weiß ich’s. Aber besser als der bekiffte Summer Jam-Besucher vor mir. Der spielt die ganze Zeit Wackel-Dackel, wahrscheinlich weil das Hirn so schön nachschaukelt, wenn man anhält. Der würde auch versuchen, mit der Zunge an seinen Ellbogen zu kommen. Ich denke, mit genau dieser Aufgabe werde ich mein Referat in diesem Kurs beenden, und während sich alle den Arm verdrehen und die Zunge rausstrecken, packe ich meine Sachen zusammen und verlasse den Raum.
C’EST LA VIE, MES AMIE…
In was für einer Welt leben wir eigentlich?
Mai 11, 2009 von juliettainitalia